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Institut für lösungsorientierte Arbeit im Familienrecht

Prof. Dr. Uwe Jopt & Dr. Katharina Behrend

Strafgerichte / Staatsanwaltschaften

Um mehr Informationen über die psychologischen Hintergründe sowie einem kindgemäßen Umgang mit dem Missbrauchsverdacht zu vermitteln, wird eine entsprechende Tagesveranstaltung angeboten. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an die zuständigen Referate der Justiz.

 

Zum Umgang mit dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs

a) Inhalt der Veranstaltung


Diese Tagesveranstaltung richtet sich an Staatsanwälte und Richter. Die Diagnose des Verdachts auf sexuellen Kindesmissbrauch erscheint auf den ersten Blick recht einfach - man muss das Kind nur ausführlich dazu befragen. Dies erscheint so einleuchtend, dass viele Berufsfremde, wie Ärzte, Therapeuten, u. a., sich problemlos zutrauen, einer Rat und Hilfe suchenden Mutter allein auf Grund ihrer Darstellung des vermeintlichen sexuellen Übergriffs auf ihr Kind eine Diagnose zu stellen. Fällt diese positiv aus, ist sie darauf hin erst recht davon überzeugt, dass ihr Anfangsverdacht begründet war, weil er ja auch von einem „Fachmann“ bestätigt wurde. 

Der jedoch hat sein Urteil allein vor dem Hintergrund gefällt, dass der mütterliche Verdacht schon deshalb nur zutreffen kann, weil sich kein Kind eine derartige Aussage „ausdenkt“. Eine auf diesem Hintergrund angesiedelte Diagnose hat jedoch mit Fachkompetenz wenig zu tun. Vor allem jüngere Kinder denken sich ihre Aussage tatsächlich nicht aus und wenn doch, sind sie kognitiv allenfalls nur kurze Zeit in der Lage, die Falschbeschuldigung glaubhaft zu vertreten. Trotzdem können sie allerdings von Erlebnissen berichten, die in Wirklichkeit so nie stattgefunden haben, ohne dabei bewusst die Unwahrheit zu sagen. 

Wie ist das möglich? Dafür sorgt der vielen Menschen völlig unbekannte psychologische Mechanismus der Suggestion, der zur Folge hat, dass es neben Wahr und Nichtwahr noch einen dritten Weg geben kann - „für Wahr gehalten“. Das klingt nicht sehr logisch - ist es auch nicht. Bei der Suggestion handelt es sich um ein psycho-logisches Phänomen. Der Name beschreibt ein Artefakt des Zusammenspiels zwischen Kind und besorgtem Befrager. Wer das nicht weiß, erkennt dies aber nicht. Er sieht keinerlei Zusammenhang zwischen seiner persönlichen Erwartungshaltung, wonach er einen Missbrauch auf Grund der kindlichen Aussage zumindest für sehr wahrscheinlich hält, und dessen Schilderungen. 

Die Folge ist häufig eine suggestiv hochgradig verzerrte Kinderaussage, die, weil nicht selbst erlebt, meist sehr bizarr anmutet. Das wiederum verstärkt den Laien in seiner Vermutung: „Das kann sich das Kind doch unmöglich ausgedacht haben!“ Die Auswirkungen solcher Irrtümer sind in vielen Fällen fatal, wie u. a. die Wormser Prozesse gezeigt haben. Zumindest hat eine in diesem Rahmen erfolgte Aussageverzerrung, sofern sie unerkannt bleibt, zur Folge, dass der Umgang des Kindes mit dem Verdächtigten, meist handelt es sich dabei um einen ihm bis dahin nahe stehenden Verwandten, bis zur endgültigen Verdachtsklärung ausgesetzt oder nur noch in Begleitung eines Dritten gestattet wird.

Ein falsch diagnostizierter Missbrauchsverdacht hat jedoch keine weniger schweren psychischen Folgen für den Beschuldigten, aber auch für das Kind selbst, als eine zutreffende Diagnose. Deshalb ist es von herausragender Wichtigkeit, eine erlebnisbegründete Aussage von einer nicht erlebten, aber für wahr gehaltenen unterscheiden zu können. Das gelingt selbst einzelnen Gutachtern heute immer noch nicht, obwohl es das nach der Weichen stellenden Entscheidung des BGH von 1999 eigentlich nicht mehr geben sollte. Bei anderen, aussagepsychologisch ungeschulten Professionellen, wie Ärzten, Therapeuten oder auch Jugendamtsmitarbeitern, fehlt es an einschlägigem Fachwissen noch häufiger. Aus psychologischer wie aus strafrechtlicher Sicht kommt es deshalb entscheidend darauf an, dass ausnahmslos jeder mit einem Missbrauchsverdacht konfrontierte Professionelle entweder über genügend aussagepsychologisches Grundwissen verfügt; um besonnen, vorsichtig und zurückhaltend zur Sachaufklärung beizutragen. Oder - was in den meisten Fällen richtig wäre - er schweigt, indem er sich von jeder Befragung des Kindes konsequent fern hält. Andernfalls mutiert die gut gemeinte „Aufdeckungsarbeit“ leicht zu einer sozialen Lernsituation, die mit einer auf sachliche Aufklärung gerichteten Exploration nichts mehr gemein hat. 

Vorschneller explorativer Dilettantismus kann einem unbegründet Beschuldigten das Leben tiefgreifend beeinträchtigen, bis hin zur psychischen Zerstörung. Der Preis, den das Kind zahlt, ist kaum weniger gravierend, wenn man sich bewusst macht, dass eine im Rahmen gut gemeinter Befragung vermittelte „Opferidentität“, die keinen wirklichen Erlebnishintergrund hat, auch sein weiteres emotionales Leben nachhaltig und dauerhaft deformieren kann. Verhindern lässt sich dies allein durch eine gründliche Aufklärung über die Hintergründe suggestiv verfälschter Kinderaussagen und deren fachliche Abgrenzung zu Missbrauchserfahrungen, die tatsächlich stattgefunden haben. Diese hinterlassen in vielen Fällen irreversible seelische Schädigungen beim Kind, deshalb ist ihre zuverlässige Identifikation ebenfalls von größter Wichtigkeit Insofern versteht sich die geplante Tagesveranstaltung zugleich als ein aktiver Beitrag zum Opferschutz. 


 
b) Ablauf der Veranstaltung

09.30 - 11.00 Uhr

Von der Glaubwürdigkeits- zur Glaubhaftigkeitsbegutachtung - mehr
als nur ein Wortspiel

 

Prinzipien der Psychologischen Aussageanalyse I (Realkennzeichen)

 

Exploration kindlicher Zeugen (mit Beispielen)

11.00 - 11.25 Uhr

Kaffeepause

11.25 - 13.00 Uhr

Zum Missbrauchsverdacht im Kontext von Trennung und Scheidung

13.00 - 14.15 Uhr

Mittagspause

14.15 - 15.30 Uhr

Kinderaussagen und Elternkonflikt - Suggestion

15.30 - 15.50 Uhr

Kaffeepause

15.50 - 17.00 Uhr

Prinzipien der Aussageanalyse II (Aussagegeschichte Lügendetektor)