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Institut für lösungsorientierte Arbeit im Familienrecht

Prof. Dr. Uwe Jopt & Dr. Katharina Behrend

Familiengerichte

Seit 2006 werden im Auftrag von Justizministerien, Justizakademien oder OLG-Bezirken der Bundesländer zweitägige Fortbildungsveranstaltungen für Familiengerichte durchgeführt. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an die für Ihren Bereich zuständige Justizeinrichtung!
 
Zur Information nachfolgend das Programm für diese Veranstaltungsreihe.

Umgang mit dem Umgang

a) Einführung


Trennung ist in erster Linie eine psychologische Tragödie - für Eltern wie für Kinder gleichermaßen. Anspruch auf staatliche Hilfe haben allerdings nur Kinder, Erwachsene können sich nur außergerichtlich Unterstützung holen, wenn sie mit der Traumatisierung in Folge des Scheiterns ihrer Paarbeziehung nicht allein zurechtkommen. Das ist nicht selten der Fall, weil der Begriff „Trennung“ leicht beschönigt, dass in Wirklichkeit jemand von einem bisher geliebten Partner gegen seinen eigenen Willen verlassen wird. So gesehen, wird schnell deutlich, weshalb Trennung häufig mit so großer Dynamik einher geht. Alle Professionellen im Familienrecht können ein Lied davon singen. 

Andererseits sind gerade die oft erheblich angeschlagenen Erwachsenen die entscheidenden Personen, auf die es ankommt, wenn es um Hilfen für ihre Kinder geht. Spätestens seit der Kindschaftsrechtsreform von 1998 ist allen klar, dass die entscheidende Hilfe für Kinder von keiner Rechtsregelung ausgeht, wie früher angenommen, sondern ausschließlich darin besteht, dass es den Eltern gelingt, ihre Konflikte runterzufahren und bestmöglich Paar- und Elternebene zu trennen. So richtig diese Aufforderung auch ist, so schwer ist sie in Anbetracht des psychologischen Phänomens der Interpunktion (sie spaltet die Expartner auf in zwei „Opfer“ und zwei „Täter“ gleichzeitig) umzusetzen. Es scheint, als seien Eltern aufgefordert, den Kreis quadrieren zu sollen. 

In jedem Fall besteht eine paradoxe Situation: um Trennungskinder zu entlasten, müsste in erster Linie ihren Eltern als Erwachsenen geholfen werden. Ausgerechnet die „existieren“ jedoch familienrechtlich nicht, jedenfalls nicht als Expaar. Zugelassen sind sie allein „als Eltern“. Für ihre Betroffenheit - Kränkung, Verletzung, Enttäuschung, u. ä - ist im Familienrecht kein Platz Dadurch besteht für Kinder das große Problem, sich in einem hoch eskalierten elterlichen Spannungsfeld arrangieren zu müssen, was vielen mehr recht als schlecht und manchen überhaupt nicht gelingt. Dann suchen sie nach einer „Überlebensstrategie“, die nicht selten darin besteht, dass sie den Kontakt zu einem Elternteil abbrechen. 

Spätestens dann ist das Familiengericht erstmals oder auch erneut wieder dran. Umgangsstörungen, richtiger: Beziehungsstörungen, gehören heute zum Kernproblem im Zusammenhang mit Trennung oder Scheidung. Einigen die Eltern sich nicht selbst, liegt deren Lösung in den Händen von Juristen - Richtern und Anwälten -, die allerdings von der genuin psychologischen Natur der Trennungsfamilie, für deren Kinder die eine, deren Erwachsenen die anderen Profession zuständig sein soll, selten mehr verstehen als jeder andere psychologische Laie auch. Jedenfalls zu Anfang ist das so, bei Manchem hat sich daran allerdings selbst zum Zeitpunkt der Pensionierung nur wenig geändert - was nur den engen Grenzen universitärer Berufssozialisation zugeschrieben werden kann. „Psychologen“ sind im Alltag zwar alle Menschen, dafür muss man nicht studiert haben. Doch wenn überhaupt, dann genügt laienpsychologisches Wissen allenfalls für den Umgang mit eigenen Psycho-Problemen - das gilt gleichermaßen für die eigene Elternschaft (Erziehung) wie für die Partnerschaft (Beziehungsprobleme). Professionell dagegen wären psychologische Grundkenntnisse Im Bereich Trennung aus Sicht von Kindern wie Expartnern oder Fremdunterbringung bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung - das sind die drei zentralen psychologischen Säulen im Kindschaftsrecht - sehr hilfreich. Davon sind die meisten juristischen Praktiker am Familiengericht überzeugt. 

Zwar stehen den Gerichten inzwischen verschiedene pädagogisch und psychologisch geschulte Helfer zur Seite (Verfahrensbeistände, Psychologische Gutachter), aber auch denen gelingt die Kreisquadratur nur in Ausnahmefällen. Trotzdem ist dies der einzig richtige Weg, wobei insbesondere das neue Verfahrensrecht (FamFG) neue Optionen eröffnet, die sich bald als überaus nützlich erweisen könnten, den geforderten Spagat häufiger erfolgreich zu vollziehen als bisher. In diesem Sinne benötigen speziell Richter und Richterinnen am Familiengericht ein psychologisches Grundwissen, um ihren ganz besonderen „Gegenstand Familie“ besser zu verstehen und angemessener damit umzugehen. 

Hierzu will das 2-tägige Seminar beitragen - auf sehr verschiedenen psychologischen Feldern. Der nicht zu bestätigende Missbrauchsverdacht im Kontext von Trennung, das wird sich zeigen, ist beispielsweise eher ein Problem des Umgangsrechts als des Strafrechts. Paradox? So paradox wie vieles Andere auf einem Rechtsgebiet, in dem anfangs kaum ein Jurist tätig sein will, später so manchen aber auch nicht wieder loslässt. 


b) Programm

1. Tag

10.00 - 11.30

Trennung im Spannungsfeld zwischen Justiz und Psychologie

11.30 - 11.50

- Kaffeepause -

11.50 - 12.30

Trennung aus Kindersicht: Bindung, Psychische Verwaisung; Lebensmittelpunkt, Umgang

12.30 - 13.00

Konsequenzen für Sorgerecht und Umgangsregelung

13.00 - 14.00

Mittagspause

14.00 - 15.30

Trennung und Trennungsfolgen aus Elternsicht: Paardynamik; Streit; Interpunktion;  Instrumentalisierung

15.00 - 15.20

Kaffeepause

15.20 - 17.00

Psychologische Ursachen von Umgangsverweigerung

              

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18.000 - 20.00

Sorgerechtsregelung und Umgangsregelung durch das Familiengericht
(Beratung, begleiteter Umgang, Umgangspfleger, Zwangsmittel);
häusliche Gewalt und Umgang

2. Tag

09.00 - 10.30

Psychologische Gutachten
Lösungsorientierter Begutachtungsansatz(§ 163 FamFG)

10.30 - 10.45

Kaffeepause

10.45 - 12.00

Herausnahme und Fremdunterbringung von Kindern
(§§ 1666, 1666a; 1632 BGB)

12.00 - 13.00

Mittagspause

13.00 - 15.15

Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch im Kontext von Trennung und Scheidung (Ursachen, Diagnostik, Intervention - Beispiele) - Abgrenzung zum Strafrecht

15.15 - 15.30

Kaffeepause

15.30 - 16.30

Wege der Kooperation zwischen Gericht, Jugendhilfe, Verfahrensbeistand und Gutachter. Rolle der Anwälte